Autodidaktisch Geige lernen? Strategien für Sparfüchse

Ein gesundes Selbstvertrauen und den Mut, notfalls auch ohne professionelle Rückversicherung ins sprichwörtlich kalte Wasser zu springen, sind eigentlich gute Voraussetzungen, um sich ein neues Themenfeld zu erarbeiten. Ebenso aber auch eine gesunde Portion Selbsteinschätzung, welche hilft, eigene Grenzen wahrzunehmen und grobe Fehlentwicklungen zu vermeiden. Wenig schmeichelhaft etwa war die weltweite Berichterstattung über jene ambitionierte, des Aquarellierens wohl überdrüssige Hobby-Künstlerin aus Aragonien, die ein altes Fresko des Erlösers flugs in einen feisten Igel zu verwandeln wusste. Auch in der Musik gibt es Bereiche, die sich mehr oder weniger gut für autodidaktisches Erarbeiten eignen.

Was spricht für und was spricht gegen rein autodidaktisches Geige lernen?

Ich schreibe bewusst „rein autodidaktisches Geige lernen“, weil ich der Meinung bin, dass jeder gute Musiker auch ein erfolgreicher Autodidakt sein muss. Denn kein Lehrer kann den großen Anteil individuellen Erfahrens, Hinhörens und Experimentierens ersetzen, der nicht nur auf Geige, Bratsche oder Cello, sondern auf jedem Instrument für einen nachhaltigen Fortschritt nötig ist. Diese Fähigkeit, sämtliche Qualitäten der aufmerksamen Selbstbeobachtung von Anfang an zu entwickeln, ist der größte Vorteil des Lernens ohne Lehrer und führte bekanntermaßen bei einigen Instrumentalisten zu großen Lernerfolgen.

Es ist allerdings ein offenes Geheimnis (und keineswegs nur Marketing von Geigenlehrern oder Institutionen, die um ihre Kunden fürchten), dass Geige lernen ohne Lehrer weit weniger von Erfolg gekrönt ist, als dies etwa beim Gitarre- oder Klavierspielen der Fall ist. Der Grund hierfür dürfte die relativ große Anfangshürde sein, die es zu bewältigen gilt, ehe man die anhörbaren ersten Melodien spielen kann. Die Tonproduktion auf der Geige ist zwar physikalisch leicht durchschaubar, die physiologische Haltung des Instruments hingegen durchwegs kein banales Unterfangen. Gleich zu Beginn muss man eine hohe Zahl zum Teil ungewohnter Bewegungsabläufe koordinieren lernen.

Das autodidaktische Prinzip beim Geige lernen basiert einerseits auf dem Beschaffen von Informationen (z. B. Lesen, Youtube-Videos gucken etc.) sowie andererseits auf Trial & Error und der wiederholenden Festigung von erfolgreichen Bewegungsabläufen. Je komplexer das Thema und vielschichtiger die Abläufe sind, desto schwieriger ist es, die wesentlichen Aspekte auf diese Weise zu selbst zu identifizieren und zu kontrollieren.

Ein Bild auf dem steht: Do it yourself violine

Meiner Erfahrung nach ist es eine Summe an kleineren und größeren vermeidbaren Fehlstellungen, die vielen Autodidakten auf der Geige oder Bratsche früher oder später zu schaffen machen — sei es in Form von technischen Grenzen oder, was noch häufiger vorkommt, wegen Rückenschmerzen und Verkrampfungen. Dabei ist bei Autodidakten nicht selten ein erstaunliches theoretisches Wissen hinsichtlich vieler Aspekte des Geigenspiels zu bemerken — und nicht jeder, der ohne Lehrer Geige gelernt hat, steht so schief im Raum, wie es viele Musiklehrer oder gehässige Kollegen gerne sähen. Es ist dennoch bitter, dass der Schritt zum Geigenlehrer häufig erst zu einem späterem Zeitpunkt geschieht, denn die Musiker, denen es gelingt, auf der Geige als Autodidakten ein anhörbares Niveau zu erreichen, sind zweifellos ziemlich talentiert. Das nachträgliche Wegtrainieren von falsch Gelerntem — und seien es auch nur scheinbare Kleinigkeiten — erfordert deutlich mehr Übeeinsatz als das grundlegende Erlernen der richtigen Abläufe.

Tipps für jene, die sich keinen regelmäßigen Geigenunterricht leisten können

Geigenunterricht ist nicht ganz billig. Für Kinder und Jugendliche gibt es nach wie vor ein gutes und leistbares Unterrichtsangebot an kommunalen Musikschulen. Für Erwachsene, Amateure bzw. Hobbymusiker wurde dieses Angebot allerdings deutlich eingeschränkt, was kultur- und gesellschaftspolitisch als schwerer Fehler, auch in Bezug auch die mittelbaren Effekte für die Jugendförderung, zu werten ist. (So bemühen wir uns übrigens aktiv im Rahmen der Musikwoche Grünbach um diese Zielgruppe und vergeben jedes Jahr Stipendien.)

Für Sparfüchse, die Geige, Bratsche oder ein anderes Streichinstrument lernen wollen, habe ich folgenden Rat: es ist besser, sich gerade ganz zu Beginn für zumindest einige Stunden an einen Geigenlehrer zu wenden und basale technische Problemstellungen unter Anleitung zu bewältigen, als den umgekehrten Weg zu probieren. Auch bestimmte Kurse oder Workshops, auf denen Einzelunterricht für Anfänger angeboten werden, eignen sich zu diesem Zweck. Ganz zu Beginn lohnen sich etwas kürzere Intervalle und ein erhöhter Übeeinsatz, denn letzterer kostet kein Geld. Auch bei der Anschaffung eines Instruments kann man sparen, wichtig ist allerdings ein Aspekt: Beim Kauf eines Streichinstruments muss penibel darauf geachtet werden, dass die Wirbel die Stimmung halten und keinesfalls rutschen, denn dies kostet Übezeit und die wertvolle Zeit im Unterricht. Nach einigen Wochen und der Überwindung der größten Anfangshürden kann man die Unterrichtsfrequenz reduzieren und — je nach finanziellen Möglichkeiten — z. B. eine Kontrollstunde pro Monat konsumieren. Hierbei ist man mit Privatunterricht deutlich im Vorteil, denn es ist in der Regel problemlos möglich, entsprechende Vereinbarungen zu treffen.

Veröffentlicht von

Heinz

Heinz hat Violine und Viola in Wien studiert und ist als Geigen- Bratschen- und Kammermusiklehrer tätig. Seine besondere Liebe gilt der Kammermusik, Franz Schubert und philologisch hervorragenden Notenausgaben. Derzeit lebt Heinz mit seiner Familie in Bamberg.

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