Geige üben mit Stimmgeräten, Tuner-Apps & Co?

Der technische Fortschritt birgt viel Gutes. Welcher Hausmann, welche Hausfrau wollte den Segen der Waschmaschine missen. Und auch die Zahl derer, die ihre Weisheitszähne gerne mithilfe eines zeitgemäßen Anästhetikums verlieren, und sich die Prozedur lieber nicht — wie in finsteren Zeiten — nur mit Hochprozentigem versüßen wollen, dürfte überwiegen. Eine für den Musiker sinnvolle Alltagserleichterung stellen elektronische Geräte dar, die exakte Tonhöhen messen — die modernen Varianten der Stimmgabel.

Technisch gesehen sind diese Stimmgeräte Frequenzzähler, die Schwingungen pro Zeiteinheit messen und Tonhöhen bzw. die betreffenden Abweichungen auf einem Display, zumeist durch einen Zeiger oder ein Ampelsystem, darstellen. Wurden bis vor kurzem Stimmgeräte ausschließlich von spezialisierten Firmen vertrieben, stehen heute einschlägige Apps so gut wie auf jedem Smartphone oder Tablet zu Verfügung. Entsprechend zugenommen hat die Praxis des elektronischen Frequenzzählens auch bei den Verfechtern gediegener handgemachter Intrumentalmusik.

Der traditionelle Einsatz von Stimmgeräten stellt — wie der Name schon sagt — das Stimmen des Instruments in Bezug zum Referenzton (Kammerton a‘, 440-443 Hz) dar. Auf dem Streichinstrument ist dabei eine ruhige, druckreduzierte Bogenführung von Vorteil, da andernfalls, insbesondere beim Bogenwechsel, marginale Tonhöhenveränderungen entstehen, die auf manchen Stimmgeräten recht eindringlich visualisiert werden.

Assistenzeinsatz beim Intonieren?

Der über das eigentliche Stimmen hinausgehende Einsatz des Stimmgerätes — die heute verbreiteten Stimmgeräte erkennen so gut wie alle spielbaren Töne und können dem Musiker ein visuelles Feedback bezüglich der Tonhöhe anzeigen — ist eine Geschmackssache, bei der allerdings zwei Punkte beherzigt werden sollten.

Erstens führen diese verlockend scheinenden Funktionen in Bezug auf die Tonhöhenkorrektur insbesondere bei Anfängern gelegentlich zu ungewollten Nebeneffekten. Die Fixierung auf ein visuelles Feedback vermag das Erlernen des sicheren Intonierens, für das ein auditives Feedback die bedeutendste Rolle spielt, durchaus zu hemmen. Wirkungsvolle aber zweifellos etwas mehr Geduld erfordernde Methoden wie der Vergleich von gegriffenen Fingern mit leeren Saiten oder mit den auf einem Klavier gespielten Tönen, sollten keinesfalls durch das Üben mit einem Stimmgerät vernachlässigt werden.

Der zweite Grund ist physikalischer bzw. hörphysiologischer Natur und betrifft eher den fortgeschrittenen Musiker, der sich ernsthaft mit Stimmungen und Intonation, einem relativ komplexen Themenfeld, auseinandersetzen möchte. An dieser Stelle nur soviel dazu: Auf Streichinstrumenten mischen wir — mehr oder weniger intuitiv — verschiedene Stimmungssysteme. Je nach verwendeter Tonart oder nach der Frage, ob etwa Melodie-Verläufe oder Akkorde gespielt werden, werden etwa enger oder weiter intonierte Intervalle als attraktiv empfunden. Dieser Mischkulanz an reiner Stimmung (bei der beispielsweise etwas tiefer intonierte Durterzen schwebungsfrei klingen) und melodischer Intonation (bei der besonders enge Leittöne attraktiv scheinen) wird man beim Üben mit dem chromatischen Stimmgerät, das die Oktave in zwölf gleich große, aber im Zusammenklang nicht schwebungsfreie Intervallstrukturen unterteilt, nicht gerecht. Das Üben mit dem Stimmgerät (in vielen Fällen kann man unterschiedliche Stimmungssysteme einstellen) wird zu einem Spezialfall, der durchaus fortgeschrittene Kompetenzen in Punkto harmonischer Analyse und Kontextbewertung der entprechenden Passagen abverlangt.

Veröffentlicht von

Heinz

Heinz hat Violine und Viola in Wien studiert und ist als Geigen- Bratschen- und Kammermusiklehrer tätig. Seine besondere Liebe gilt der Kammermusik, Franz Schubert und philologisch hervorragenden Notenausgaben. Derzeit lebt Heinz mit seiner Familie in Bamberg.

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