Musizieren in überakustischen Räumen: Troubleshooting bei Konzerten in der Kirche

Nur selten können sich Musiker die Räume, in denen sie konzertieren, nach akustischen Kriterien aussuchen. Insbesondere bei der Kammermusik sind überakustische Räume mit langen Nachhallzeiten, wie dies bei vielen Kirchen der Fall ist, eine besondere Herausforderung. Und regelmäßig haben Musiker nur wenig Zeit (im Extremfall nur eine kurze Anspiel-Probe unmittelbar vor dem Konzert), um sich auf diese neue Gegebenheit einzustellen. In dieser Ausnahmesituation hilft eine Portion Flexibilität, etwas Verhandlungsbereitschaft und ein klares Konzept, die Situation zu meistern.

Den Raum auskundschaften und das Ensemble platzieren

Auch wenn die Verlockung groß ist bei einer Generalprobe in medias res zu gehen und das Augenmerk lieber gleich auf die schwierigen Stellen zu lenken, sollte man einen neuen Raum erst ein wenig akustisch explorieren. In die Hände klatschen und einige kurze Töne anspielen hilft, die Nachhallzeit grob einzuschätzen. In großen, halligen Kirchenräumen kann man durchaus mit Werten von 3-4 Sekunden rechnen. Wichtig in dieser Hinsicht ist, dass sich dies deutlich verbessern lässt, wenn der Raum mit Zuschauern besetzt ist — es ist also mitunter nicht nur eine pekuniäre, sondern auch eine akustische Notwendigkeit, dass Kammermusikkonzerte in Kirchen ordentlich beworben werden 😉

Es kann auch notwendig sein, einen guten Platz für das Ensemble zu suchen. Ob man sich im Altarraum oder in der Vierung positioniert oder gar auf der Orgelempore platziert, macht in der Regel einen deutlichen Unterschied. Zweckdienlich ist es, wenn zumindest einer aus dem Ensemble kurzfristig in die Rolle des Zuhörers schlüpft, um den Raumklang zu bewerten und bezüglich der Position zu instruieren.

Dynamik und Balance in halligen Räumen anpassen

In halligen Räumen sind klanglich zwei Aspekte für die Balance und die Dynamik relevant, denen man allerdings mit ein wenig Geschick und einem kühlen Kopf begegnen kann.
Erstens: Während dynamische Höhepunkte relativ gut gelingen, avanciert so manches piano zum satten mezzoforte. Es zahlt sich aus, um die dynamischen Tiefpunkte im Stück zu kämpfen und deutlich zu übertreiben.
Zweitens: Bassfrequenzen treten überproportional zutage. Gerade die tiefen Instrumente (das Cello im Streichquartett) sollten ihr Lautstärke-Niveau anpassen, um die hohen Instrumente wie zu Beispiel die erste Geige nicht zu übertrumpfen.

Tempowahl und Artikulation

Selbstverständlich gibt es Werke, meistens Musik mit Chören, die für Kirchen komponiert und entschieden für den langen Nachhall konzipiert wurden. Bei Kammermusikwerken wie etwa Streichquartetten ist dies hingegen nicht der Fall. Anforderungen an die direkte Ansprache, Präzision, Akzentuierung, Transparenz und der lebhafte Wechsel an Spielgeschwindigkeiten und Abläufen sind unkündbar in die Ästhetik der Musik für kleine Instrumentalensembles eingeschrieben.

In überakustischen Sälen sollte man bei schnellen Sätzen die Tempowahl unbedingt überdenken — rasante Schlusssätze verlieren auch rasant Ihre virtuose Wirkung, wenn sie zum wummernden Klangbrei verschwimmen. Prinzipiell gilt daher: je länger die Nachhallzeit, desto getragener darf das Tempo ausfallen.

Darüber hinaus ist es notwendig, die Artikulation anzupassen. Töne und Striche in den Begleitstimmen müssen deutlich kürzer gehalten und lange Noten dynamisch entlastet werden. Akzentuierungen dürfen generell schärfer ausfallen, Pausen mitunter zu Generalpausen verlängert werden.
Auch hierbei ist es wiederum hilfreich, wenn an problematischen Stellen ein Ensemblemitglied in den Zuschauerbereich wechselt und sich verschiedene Varianten „von außen“ anhört — so manches Bogenvibrato in der Begleitung eines Streichquartetts von Mozart- oder Haydn wurde bei solchen Aktionen als regelrechtes Staccato verwirklicht und restaurierte somit in letzter Minute den transparenten Ensembleklang.

Freilich gibt es auch Härtefälle, namentlich Konzerte in Räumen, die so lange Nachhallzeiten besitzen, dass man sie als für Kammermusik getrost ungeeignet einstufen darf. Wenn scheinbar nichts mehr zu retten ist und das Konzert in solch einem Etablissement stattfinden muss, hilft folgendes Notfallprogramm: Eine möglichst enge Aufstellung und das vorrangige „Spielen auf Optik“ — damit meine ich ein genaues und präzises Kommunizieren mit Atemzeichen und anderen spieltechnischen Anhaltspunkten wie etwa den Bogenbewegungen.

Veröffentlicht von

Heinz

Heinz hat Violine und Viola in Wien studiert und ist als Geigen- Bratschen- und Kammermusiklehrer tätig. Seine besondere Liebe gilt der Kammermusik, Franz Schubert und philologisch hervorragenden Notenausgaben. Derzeit lebt Heinz mit seiner Familie in Bamberg.

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