Von E-Geigen und E-Geigern

Vorbei sind die Zeiten, in denen sich grießgrämige, alte Miesmacher lautstark über „Stromklampfen“ oder „Dosenklaviere“ mokierten und das Wort E-Gitarre am liebsten mit „Ernste Gitarre“ übersetzt haben wollten. Längst haben elektronische Instrumente aller Art Eingang in die Mitte unseres Musiklebens gefunden: die E-Gitarre begann vor mittlerweile mehr als einem halben Jahrhundert ihren Siegeszug, Keyboards bzw. Synthesizer gehören zu den auf Bühnenshows am häufigsten eingesetzten Instrumenten. Beinahe vergessen scheint hingegen die Tatsache, dass Leo Fender bereits in den 50er Jahren nicht nur E-Gitarren, sondern auch einige wenige E-Geigen produzierte, die hauptsächlich von Jazz- und Bluesmusikern gespielt wurden. Denn anders als die E-Gitarre begann die elektrische Violine erst ab den 1990er Jahren wirklich populär zu werden — man erinnert sich noch dunkel an das geigende Pop-Sternchen Vanessa Mae. In letzter Zeit erlebt nicht nur die Geige, sondern insbesondere die E-Geige einen neuerlichen Höhenflug, der vor allem von Lindsey Stirling beflügelt wird, die bei ihren Nummern auch neuere Musikgenres wie Dubstep und Elektro integriert.

Arten von E-Geigen: „Elektro-akustisch“ vs. „Solidbody“

Jeder, der sich schon einmal durch ein paar youtube-Videos von E-Geige(r)n geklickt hat ahnt es: der Vielfalt an Formen und Klängen von E-Violinen scheinen beinahe keine Grenzen gesetzt.

Sehr häufig sieht man „normale Geigen“, die nachträglich zu E-Geigen umgerüstet werden. So ist etwa Lindsey Stirling bei ihrem Videoclip zu ihrem Hit „Chrystallize“ mit einer klassischen Violine zu sehen, die nachträglich mit einem Tonabnehmer ausgestattet wurde. Bei solch einem Umbau muss man sich überlegen, wie invasiv der Eingriff sein darf. Für eine Geige, die auch im klassischen Bereich eingesetzt wird, werden in der Regel Tonabnehmer bevorzugt, die keine oder nur wenige Veränderungen am Instrument erfordern.

In ihrer Bauform zumeist nicht oder nicht stark (oft sind es vor allem kreative Lackierungen) von „herkömmlichen“ Violinen zu unterscheiden, sind sogenannten elektro-akustischen Violinen (engl. „Acoustic-Electric Violins“), die mit einem fest montierten, zumeist passiven Tonabnehmer ausgestattet sind. Bei diesen Instrumenten muss beachtet werden, dass sie unverstärkt genauso laut wie „normale“ Geigen klingen. Vorteile gegenüber der nachträglichen Verstärkung einer herkömmlichen Geige besteht vor allem darin, dass Tonabnehmer, Kabel und Klinkenbuchse in Bauteile wie Steg und Korpus fest integriert werden können.

Auffallend im Design und interessanter für Experimente jeglicher Art sind hingegen E-Geigen mit einem soliden Korpus (elektrische Solidbody-Violinen). Da der Korpus für die Klangverstärkung bei diesen E-Geigen so gut wie keine Rolle spielt, sind der Fantasie bezüglich Korpusformen und –designs kaum Grenzen gesetzt.

Eine typische E-Geige bzw. E-Violine mit solidem Korpus (Solid-Body)

So gibt es etwa E-Geigen in S- oder V-Form, E-Geigen mit 5, 6 und 7 Saiten oder Instrumente mit Bünden. Manche dieser Geigen werden auch „Silent-Violinen“ genannt, und zwar jene vom japanischen Hersteller Yamaha, der sich in seinem Design besonders konsequent an den Gewohnheiten und Erwartungen klassischer Musiker orientiert und diese Geigen nicht zuletzt für das lautlose bzw. leise Üben konzipierte. Solidbody Geigen erreichen unverstärkt maximal eine Lautstärke, die mit Flüstern oder leisem Sprechen vergleichbar ist. Entsprechend werden diese E-Geigen mit Kopfhörer (vor allem, um beim Üben die Nachbarn nicht zu stören) oder aber mit einem Verstärker bzw. entsprechender Technik auf der Bühne verwendet, wofür sich naturgemäß vor allem E-Geigen mit hochwertigen Tonabnehmern eignen.

Tonabnehmer

Große Unterschiede bei E-Geigen gibt es hinsichtlich der verwendeten Tonabnehmer (auch „Pickup“, „Wandler“ bzw. „Transducer“ genannt). Am häufigsten bei E-Violinen verwendet werden sogenannte piezoelektrische Tonabnehmer. Diese aus einer speziellen Keramik (Blei-Zirkonat-Titanat) bestehenden Pickups reagieren auf mechanische Druckunterschiede, die in elektrische Spannung umgewandelt werden. Entsprechend werden sie auf die stark schwingenden Bauteile der Geige — in der Regel in oder unter den Steg oder auf die Decke in die Nähe des Steges eingepasst. Für das Funktionieren dieser Tonabnehmer spielen magnetische Felder keine Rolle. Aus diesem Grund sind der Saitenwahl keine Grenzen gesetzt. Verwendet werden können Saiten jeglicher Art, etwa Saiten mit Nylonkern und Aluminiumumwicklung oder sogar Darmsaiten. Standardmäßig sind für Piezo-Tonabnehmer Vorverstärker („Preamps“) zu empfehlen, die am besten möglichst nahe am Tonabnehmer zu schalten sind und die Funktion haben, unvorhersehbare Klangbeeinträchtigungen (zumeist klingen Piezo-Tonabnehmer ohne entsprechende Klangregelung tendenziell „nasal“ bzw. Mitten-lastig) durch die unterschiedlichen elektronischen Widerstände der der einzelnen Bauteile auszugleichen. Bei vielen E-Geigen sind diese Vorverstärkerstufen übrigens mit entsprechenden Regelungsschaltern bereits fix im Instrument verbaut.

Elektromagnetische Tonabnehmer, wie sie vorzugsweise bei E-Gitarren zu Einsatz kommen, sind bei E-Geigen verhältnismäßig selten. Sie haben den Nachteil, dass sie ziemlich steril klingen und Geigen oder andere Streichinstrumente ihren natürlichen Klang so gut wie gänzlich einbüßen. Ein großer Vorteil hingegen besteht darin, dass sich diese Instrumente besonders gut in Kombination mit den handelsüblichen E-Gitarren-Effektgeräten (z. B. Verzerrer, Phaser, Oktaver etc.) machen. Zu beachten ist außerdem, dass jeder elektromagnetischer Tonabnehmer nur mit Saiten funktioniert, die einen Stahlkern besitzen (z. B. Daddario Helicore oder Thomastik Spirocore).

Nach wie vor unschlagbar was die Natürlichkeit und Wärme des Geigenklangs betrifft, ist die Abnahme mit hochwertigen Mikrophonen. Außer der Möglichkeit, vor die Geige ein Mikrophon auf einem Ständer zu positionieren, gibt es auch noch eine Reihe anderer Möglichkeiten. Zu nennen sind etwa Clip-Mikrophone, die an der Zarge (ganz ähnlich wie die handelsüblichen Kinnhalter) befestigt werden und einen flexiblen Schwanenhals besitzen, oder aber Kontaktmikrophone, die nicht die Luftschwingung sondern den Körperschall abnehmen und zumeist mit einer Kontaktmasse aufzubringen sind (für alte oder wertvolle Geigen würde ich diese nicht verwenden). Ein Nachteil von Mikrophonen ist generell ihre Anfälligkeit für Feedback — jene ohrenbetäubende Pfeif-Töne, die beinahe jeder schon einmal gehört oder sogar verursacht hat, der ein Mikrophon in der Hand gehalten hat.

Profis verwenden auf der Bühne übrigens häufig Systeme, bei denen ein Mikrophon sowie ein Stegtonabnehmer kombiniert und mit einem Regler ausbalanciert werden. Auf diese Weise können die Vor- und Nachteile der beiden Systeme ausgeglichen werden.

Geige lernen mit einer E-Geige? Tipps für Anfänger

Ist es besser mit akustischer Geige loszulegen? Oder kann man gleich mit der E-Geige anfangen? Dies ist eine Frage, die sich viele Anfänger, die eher David Garrett und Lindsey Stirling als David Oistrach oder Maxim Vengerov nacheifern, stellen. Meine Antwort (auf die zweite Frage) ist ein beherztes „Ja“, denn elektrische Geigen und herkömmliche Geigen haben viel mehr gemeinsam, als es vielleicht auf den ersten Blick den Anschein macht. Bei entsprechenden Instrumenten hat man auf der E-Geige so gut wie die gleichen spieltechnischen, klanglichen und musikalischen Herausforderungen zu meistern wie bei einer akustischen Violine — es ist daher auch keinesfalls einfacher E-Geige zu lernen, sondern eher eine Frage des Stils. So ist es in der Regel auch möglich, zwischen einer klassischen Geige und einer elektrischen Geige mit nur wenig Übung hin und her zu wechseln. Damit dies auch wirklich gelingt, sollten allerdings bei der Anschaffung einer elektrischen Violine einige Punkte unbedingt beachtet werden:

  • Die Spielmensur und das Griffbrett (und alle anderen für die Haltung der Geige wichtigen Bauteile) sollten genauso wie bei einer normalen Geige gestaltet sein und die korrekten Abstände aufweisen — der Bogen von E-Geigen und akustischen Geigen unterscheidet sich übrigens nicht.
  • Es gibt so gut wie keine E-Geigen für Kinder von namhaften Herstellern. Aus diesem Grund ist das Lernen mit einer elektrischen Violine erst ab einem jugendlichen Alter sinnvoll.
  • Sinnvolle Andeutungen der Zargen sind für die linke Hand (Lagenspiel) und die Bogenführung (Saitenebenen auf der höchsten und tiefsten Saite) vorteilhaft. Besonders geeignet sind darüber hinaus Modelle, auf denen herkömmliche Kinnhalter und Schulterstützen montiert werden können.
  • E-Violinen können mitunter deutlich schwerer als normale Geigen sein. Optimal für das Geigelernen wäre es, wenn das Gewicht der E-Geige das einer normalen Violine nicht übersteigt (< 500 g).
  • Eine größere Herausforderung könnte darin bestehen, einen Geigenlehrer zu finden, der bereit ist, einen Schüler auf einer E-Geige zu unterrichten. Dies hat in der Regel nichts mit Arroganz gegenüber bestimmten Musikstilen zu tun. Für den Unterricht auf einer E-Violine ist unbedingt ein Verstärker notwendig, den viele Geigenlehrer einfach nicht besitzen. Der Unterricht mit Kopfhörern oder einer unverstärkten E-Geige macht dagegen wenig Sinn. Es gibt allerdings auch für dieses Problem eine Lösung, nämlich leichtere, tragbare Verstärker, die man gegebenenfalls in den Geigenunterricht oder zum Musikkurs mitnehmen kann…
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Veröffentlicht von

Heinz

Heinz hat Violine und Viola in Wien studiert und ist als Geigen- Bratschen- und Kammermusiklehrer tätig. Seine besondere Liebe gilt der Kammermusik, Franz Schubert und philologisch hervorragenden Notenausgaben. Derzeit lebt Heinz mit seiner Familie in Bamberg.

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