{"id":748,"date":"2016-09-25T12:18:29","date_gmt":"2016-09-25T10:18:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/?p=748"},"modified":"2024-02-04T08:30:50","modified_gmt":"2024-02-04T07:30:50","slug":"intonation-auf-geige-bratsche-cello","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/en\/intonation-auf-geige-bratsche-cello\/","title":{"rendered":"Intonation auf Geige, Bratsche, Cello &#038; Co. &#8212; wie man die Stimmung im Ensemble verbessert"},"content":{"rendered":"<p>Zweifellos z\u00e4hlt das saubere Greifen, das zielsichere Treffen der richtigen T\u00f6ne zu den gro\u00dfen und nachhaltigen Herausforderungen auf dem Streichinstrument. Gerade bei Geigern, Bratschisten und Cellisten, die bereits das Gef\u00fchl entwickelt haben, sich auf ihre Ohren ganz gut verlassen zu k\u00f6nnen, nimmt die eingehende Besch\u00e4ftigung mit der Intonation beim \u00dcben einen gewichtigen Stellenwert ein. Meistens fu\u00dft diese auf einem eher intuitiven Empfinden, das mit der Zeit quasi automatisch entwickelt wurde, und in den \u00fcberwiegenden F\u00e4llen den musikalischen Anforderungen gen\u00fcgt. Allerdings kennen die meisten Streicher auch das Gef\u00fchl, bei bestimmten Passagen &#8212; trotz eingehender Suche und der besten Absichten &#8212; nicht die exakte Tonh\u00f6he zu finden.<!--more--><\/p>\n<p>Vor allem in der Kammermusik, insbesondere beim Spielen im Streichquartett, scheinen einige gewohnte Fingerstellungen und Griffbrettpostionen nicht mehr ganz einwandfrei zu funktionieren. Nicht immer stecken hinter solchen ungewollten harmonischen Reibungen kapitale Fehlgriffe oder unsauber spielende Kammermusikpartner. Manchmal sind es lediglich f\u00fcr das Zusammenspiel unpassende Strategien der Tonh\u00f6henfindung &#8212; ich rede von Strategien, die beim Solospiel funktionieren, aber in der Kammermusik nicht pauschal angewendet werden sollten. So kann ein gewisses theoretisches Grundverst\u00e4ndnis von Intonation nicht nur helfen, den eigenen Horizont zu erweitern, sondern auch die eine oder andere Probe oder gar musikalische Beziehung zu retten. Daf\u00fcr ist es nicht einmal n\u00f6tig, sich umfassend in das breite Feld der musikalischen Stimmungen und Temperaturen einzuarbeiten: bereits durch die Kenntnis einiger wichtiger Grundprinzipien und das Befolgen weniger zentraler Grundregeln kann die Intonation in der Kammermusik und damit die Stimmung im Ensemble merklich verbessert werden.<\/p>\n<h2>Melodisch-expressive Intonation<\/h2>\n<p>Beim Gestalten von Melodien, insbesondere in raschen Passagen, werden weite Ganzt\u00f6ne, enge Halbt\u00f6ne, weite gro\u00dfe Terzen, enge kleine Terzen sowie konsequent hohe Leitt\u00f6ne als besonders attraktiv empfunden. Dass beispielsweise der Leitton (der 7. Skalenton) beim Spielen von L\u00e4ufen auf der Geige besonders scharf, d. h. hoch intoniert werden soll, stellt ein Dogma dar, welches seit Generationen in der P\u00e4dagogik vermittelt wird &#8212; recht eindringlich \u00e4u\u00dferte sich beispielsweise Pablo Casals zu diesem Thema. So sollten bei einer Dur-Skala etwa zun\u00e4chst die Intervalle Quart, Quint sowie Oktave aus dem Grundton schwebungsfrei abgeleitet werden. Anschlie\u00dfend werden der Leitton eng zur Tonika sowie die Terz knapp zur Quarte gegriffen und schlie\u00dflich Sekunde und Sexte zwischen Grundton und Terzton bzw. zwischen Quint und Septime eingepasst. Das folgende Notenbeispiel zeigt eine D-Dur Skala, anhand derer sich dieses Prinzip recht einfach nachvollziehen l\u00e4sst &#8212; die gef\u00fcllten Notenk\u00f6pfe entsprechen <a href=\"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/en\/lagenspiel-und-immerwaehrendes-vibrato-oder-sollte-man-leere-saiten-beim-geigenspiel-tunlichst-vermeiden\/\" title=\"Lagenspiel und immerw\u00e4hrendes Vibrato. Oder: sollte man leere Saiten beim Geigenspiel tunlichst vermeiden?\">leeren Saiten<\/a>, mit denen man die jeweiligen T\u00f6ne abgleichen kann:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp1-e1474797794637.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp1-1024x155.png\" alt=\"intonation_nbsp1\" class=\"alignnone size-large wp-image-913\" width=\"660\" height=\"100\"><\/a><\/p>\n<p>Diese Art zu intonieren l\u00e4sst sich \u00fcbrigens auch musiktheoretisch fundieren. Sie entspricht in weiten Teilen der sogenannten &#8222;pythagor\u00e4ischen Stimmung&#8220;, die bezeichnenderweise vor allem in Epochen, in denen Musik einstimmig gesungen und gespielt wurde, etwa im europ\u00e4ischen Mittelalter, als besonders wichtig angesehen wurde. Da damit sehr ausdrucksstark musiziert werden kann, wird das korrespondierende Intonationsprinzip gelegentlich auch als &#8222;expressive Intonation&#8220; bezeichnet. Casals glaubte etwa, dass expressive Intonation 50% f\u00fcr die dramatischen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten eines Musikers verantwortlich zu machen sei. Au\u00dferdem scheint die expressive Intonation auch dem nat\u00fcrlichen Empfinden der meisten Geiger, Bratschisten und Cellisten beim Gestalten von Melodien zu entsprechen. Es gibt zahlreiche Beispiele von gro\u00dfen Musikern, die ma\u00dfgebliche Elemente dieses Stimmungsprinzips beim Spielen von Melodien und L\u00e4ufen bewusst einsetzen bzw. auf die Spitze treiben &#8212; ich finde diesbez\u00fcglich \u00fcbrigens die alten Aufnahmen von Ginette Niveu sehr interessant.<\/p>\n<h2>Harmonische Intonation<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend die melodisch-expressive Intonation f\u00fcr das Gestalten von schnellen L\u00e4ufen und Melodien sehr ansprechende Ergebnisse liefert, ist sie f\u00fcr andere Passagen ungeeignet. Exemplarisch kann man versuchen zun\u00e4chst folgende Passage auf melodisch-expressive Weise zu intonieren, indem wir das cis&#8216; leitt\u00f6nig (knapp zum Ton d&#8216;) ausrichten. Anschlie\u00dfend stellen wir uns vor, ein weiterer Geiger intoniert die Oberterz. Er w\u00fcrde sich dabei naheliegenderweise an seiner leeren E-Saite orientieren. Wir simulieren diese Ensemblesituation, indem wir dem leitt\u00f6nigen cis&#8216; die leere E-Saite als Oberterz hinzuf\u00fcgen:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp2-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp2-1-1024x130.png\" alt=\"intonation_nbsp2\" class=\"alignnone size-large wp-image-928\" width=\"660\" height=\"84\" srcset=\"https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp2-1-1024x130.png 1024w, https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp2-1-300x38.png 300w, https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp2-1-768x97.png 768w, https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp2-1.png 1564w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der abschlie\u00dfende Akkord in dem Beispiel, den man auch als oberen Terzausschnitt eines A-Dur Dreiklanges interpretieren kann, klingt eindeutig unsauber und kann als exemplarisch f\u00fcr eine typische Konfliktsituation beim Quartett-Spielen gesehen werden: beide Musiker empfinden die Intonation im Kontext ihrer Stimme (horizontaler Melodieverlauf vs. leere Saite) als sauber, wohingegen der Zusammenklang problematisch ist. So erzielt man erst ein gutes Ergebniss, wenn man das cis&#8216; an die leere E-Saite anpasst. Wenn man alles richtig gemacht hat, dann m\u00fcsste das cis&#8216; nun etwas tiefer gegriffen werden als zuvor.<\/p>\n<p>Diese Art zu intonieren hat ihre musiktheoretische Entsprechung in der harmonischen Stimmung. Ihr liegt die Idee zugrunde, dass alle wichtigen Intervalle einer Skala (Quint, gro\u00dfe und kleine Terzen, Septime und deren Umkehrungen) im Zusammenklang m\u00f6glichst schwebungsfrei klingen sollen. Da diese Stimmung ma\u00dfgeblich aus der nat\u00fcrlichen Obertonreihe abgeleitet werden kann, wird dieses Prinzip auch &#8222;reine-&#8220; oder &#8222;nat\u00fcrliche Stimmung&#8220; genannt. Um auf diese weise sauber zu spielen, ist ein grundlegendes Verst\u00e4ndnis vom Aufbau von Akkorden n\u00f6tig: Grundton (1), Terzton (3), Quinttton (5) und gegebenfalls Septimen (7) m\u00fcssen zuverl\u00e4ssig identifiziert werden, wie dies etwa in folgendem Notenbeispiel, das die Umkehrungen eines D-Dur Septakkordes zeigt, illustriert wird:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp3-1024x286.png\" alt=\"intonation_nbsp3\" class=\"alignnone size-large wp-image-921\" width=\"660\" height=\"184\" srcset=\"https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp3-1024x286.png 1024w, https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp3-300x84.png 300w, https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp3-768x215.png 768w, https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Intonation_Nbsp3.png 1474w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Da die harmonische Intonation &#8212; wie bereits erw\u00e4hnt &#8212; nicht immer dem Spielgef\u00fchl, das sich aus dem Kontext der eigenen Stimme bzw. der individuellen Solo-Vorbereitung ergibt, entspricht, ist nicht nur die Kenntnis der anderen Stimmen, sondern auch die generelle Verst\u00e4ndigung im Ensemble \u00fcber eine klare und strukturierte Vorgehensweise beim Ausstimmen von Akkorden von Vorteil. Folgende, unkomplizierte Grundregeln haben sich in der musikalischen Praxis f\u00fcr die harmonische Intonation, die bei zahllosen Stellen in der Ensemble- und Orchesterpraxis zu bevorzugen ist, hundertfach bew\u00e4hrt:<\/p>\n<p>1. Ma\u00dfgeblicher Orientierungspunkt f\u00fcr die Intonation im Akkord ist der Grundton (1)<\/p>\n<p>2. Anschlie\u00dfend werden Quinten (5) und ggf. Oktaven m\u00f6glichst schwebungsfrei hinzugef\u00fcgt<\/p>\n<p>3. Schlie\u00dflich folgen die Terzintervalle (3): Durterzen m\u00fcssen (gef\u00fchlt) etwas tiefer, Mollterzen etwas h\u00f6her als beim Solospiel gegriffen werden<\/p>\n<p>4. Besonders tief gegriffen werden Septimen (7). Es ist hilfreich, Septimen konsequent zum Grundton zu stimmen, da sich vor allem zwischen Quintton und Septime recht gro\u00dfe Reibungen ergeben, die aber f\u00fcr den Gesamtklang unbedingt in Kauf zu nehmen sind&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweifellos z\u00e4hlt das saubere Greifen, das zielsichere Treffen der richtigen T\u00f6ne zu den gro\u00dfen und nachhaltigen Herausforderungen auf dem Streichinstrument. Gerade bei Geigern, Bratschisten und Cellisten, die bereits das Gef\u00fchl entwickelt haben, sich auf ihre Ohren ganz gut verlassen zu k\u00f6nnen, nimmt die eingehende Besch\u00e4ftigung mit der Intonation beim \u00dcben einen gewichtigen Stellenwert ein. 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