{"id":971,"date":"2017-03-19T11:22:20","date_gmt":"2017-03-19T10:22:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/?p=971"},"modified":"2024-02-04T14:52:16","modified_gmt":"2024-02-04T13:52:16","slug":"troubleshooting-bei-konzerten-in-der-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/troubleshooting-bei-konzerten-in-der-kirche\/","title":{"rendered":"Musizieren in \u00fcberakustischen R\u00e4umen: Troubleshooting bei Konzerten in der Kirche"},"content":{"rendered":"<p>Nur selten k\u00f6nnen sich Musiker die R\u00e4ume, in denen sie konzertieren, nach akustischen Kriterien aussuchen. Insbesondere bei der Kammermusik sind \u00fcberakustische R\u00e4ume mit langen Nachhallzeiten, wie dies bei vielen Kirchen der Fall ist, eine besondere Herausforderung. Und regelm\u00e4\u00dfig haben Musiker nur wenig Zeit (im Extremfall nur eine kurze Anspiel-Probe unmittelbar vor dem Konzert), um sich auf diese neue Gegebenheit einzustellen. In dieser Ausnahmesituation hilft eine Portion Flexibilit\u00e4t, etwas Verhandlungsbereitschaft und ein klares Konzept, die Situation zu meistern.<!--more--><\/p>\n<h2>Den Raum auskundschaften und das Ensemble platzieren<\/h2>\n<p>Auch wenn die Verlockung gro\u00df ist bei einer <a title=\"Was sonst noch zur Generalprobe geh\u00f6rt: Organisation und Vorbereitung des Auftritts\" href=\"http:\/\/www.musikwoche-gruenbach.at\/1000tipps\/was-sonst-noch-zur-generalprobe-gehoert-organisation-und-vorbereitung-des-auftritts\/\">Generalprobe<\/a> in medias res zu gehen und das Augenmerk lieber gleich auf die schwierigen Stellen zu lenken, sollte man einen neuen Raum erst ein wenig akustisch explorieren. In die H\u00e4nde klatschen und einige kurze T\u00f6ne anspielen hilft, die Nachhallzeit grob einzusch\u00e4tzen. In gro\u00dfen, halligen Kirchenr\u00e4umen kann man durchaus mit Werten von 3-4 Sekunden rechnen. Wichtig in dieser Hinsicht ist, dass sich dies deutlich verbessern l\u00e4sst, wenn der Raum mit Zuschauern besetzt ist &#8212; es ist also mitunter nicht nur eine pekuni\u00e4re, sondern auch eine akustische Notwendigkeit, dass Kammermusikkonzerte in Kirchen ordentlich beworben werden \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Es kann auch notwendig sein, einen guten Platz f\u00fcr das Ensemble zu suchen. Ob man sich im Altarraum oder in der Vierung positioniert oder gar auf der Orgelempore platziert, macht in der Regel einen deutlichen Unterschied. Zweckdienlich ist es, wenn zumindest einer aus dem Ensemble kurzfristig in die Rolle des Zuh\u00f6rers schl\u00fcpft, um den Raumklang zu bewerten und bez\u00fcglich der Position zu instruieren.<\/p>\n<h2>Dynamik und Balance in halligen R\u00e4umen anpassen<\/h2>\n<p>In halligen R\u00e4umen sind klanglich zwei Aspekte f\u00fcr die Balance und die Dynamik relevant, denen man allerdings mit ein wenig Geschick und einem k\u00fchlen Kopf begegnen kann.<br \/>\nErstens: W\u00e4hrend dynamische H\u00f6hepunkte relativ gut gelingen, avanciert so manches <em>piano<\/em> zum satten <em>mezzoforte<\/em>. Es zahlt sich aus, um die dynamischen Tiefpunkte im St\u00fcck zu k\u00e4mpfen und deutlich zu \u00fcbertreiben.<br \/>\nZweitens: Bassfrequenzen treten \u00fcberproportional zutage. Gerade die tiefen Instrumente (das Cello im Streichquartett) sollten ihr Lautst\u00e4rke-Niveau anpassen, um die hohen Instrumente wie zu Beispiel die erste Geige nicht zu \u00fcbertrumpfen.<\/p>\n<h2>Tempowahl und Artikulation<\/h2>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gibt es Werke, meistens Musik mit Ch\u00f6ren, die f\u00fcr Kirchen komponiert und entschieden f\u00fcr den langen Nachhall konzipiert wurden. Bei Kammermusikwerken wie etwa Streichquartetten ist dies hingegen nicht der Fall. Anforderungen an die direkte Ansprache, Pr\u00e4zision, Akzentuierung, Transparenz und der lebhafte Wechsel an Spielgeschwindigkeiten und Abl\u00e4ufen sind unk\u00fcndbar in die \u00c4sthetik der Musik f\u00fcr kleine Instrumentalensembles eingeschrieben.<\/p>\n<p>In \u00fcberakustischen S\u00e4len sollte man bei schnellen S\u00e4tzen die Tempowahl unbedingt \u00fcberdenken &#8212; rasante Schlusss\u00e4tze verlieren auch rasant Ihre virtuose Wirkung, wenn sie zum wummernden Klangbrei verschwimmen. Prinzipiell gilt daher: je l\u00e4nger die Nachhallzeit, desto getragener darf das Tempo ausfallen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist es notwendig, die Artikulation anzupassen. T\u00f6ne und Striche in den Begleitstimmen m\u00fcssen deutlich k\u00fcrzer gehalten und lange Noten dynamisch entlastet werden. Akzentuierungen d\u00fcrfen generell sch\u00e4rfer ausfallen, Pausen mitunter zu Generalpausen verl\u00e4ngert werden.<br \/>\nAuch hierbei ist es wiederum hilfreich, wenn an problematischen Stellen ein Ensemblemitglied in den Zuschauerbereich wechselt und sich verschiedene Varianten &#8222;von au\u00dfen&#8220; anh\u00f6rt &#8212; so manches Bogenvibrato in der Begleitung eines Streichquartetts von Mozart- oder Haydn wurde bei solchen Aktionen als regelrechtes <em>Staccato<\/em> verwirklicht und restaurierte somit in letzter Minute den transparenten Ensembleklang.<\/p>\n<p>Freilich gibt es auch H\u00e4rtef\u00e4lle, namentlich Konzerte in R\u00e4umen, die so lange Nachhallzeiten besitzen, dass man sie als f\u00fcr Kammermusik getrost ungeeignet einstufen darf. Wenn scheinbar nichts mehr zu retten ist und das Konzert in solch einem Etablissement stattfinden muss, hilft folgendes Notfallprogramm: Eine m\u00f6glichst enge Aufstellung und das vorrangige &#8222;Spielen auf Optik&#8220; &#8212; damit meine ich ein genaues und pr\u00e4zises Kommunizieren mit Atemzeichen und anderen spieltechnischen Anhaltspunkten wie etwa den Bogenbewegungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur selten k\u00f6nnen sich Musiker die R\u00e4ume, in denen sie konzertieren, nach akustischen Kriterien aussuchen. Insbesondere bei der Kammermusik sind \u00fcberakustische R\u00e4ume mit langen Nachhallzeiten, wie dies bei vielen Kirchen der Fall ist, eine besondere Herausforderung. 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