Kennst Du schon Clemens Böck? Oder: Wie du durch den gekonnten Einsatz des Armgewichts „Kratzen“ vermeidest und zugleich mehr Klang entwickelst…

Clemens Böck ist Dozent bei der Musikwoche Grünbach seit 2026. Neben der klassischen Musik begeistert er sich auch für Volksmusik, Chorgesang und das Arrangieren.

Lieber Clemens, wie hast Du zu Deinem Instrument gefunden?

Ich bin in einer musikalischen Familie aufgewachsen und bei uns wurde viel gesungen und musiziert. Da war es naheliegend, ein Instrument zu lernen. Dass ich mich bewusst für die Geige entschieden habe, lag weniger am „klassischen“ Hintergrund meiner Eltern als vielmehr daran, dass daheim auch Volksmusik gemacht und gehört wurde und ich bereits im Vorschulalter eine besondere Vorliebe für den legendären Rudi Pietsch und seine Tanzgeiger entwickelte. Ich wollte auch „Tanzgeiger“ werden, und zum Glück hatte ich einen Opa, der mit mir auf der Ziehharmonika allerlei Polkas, Ländler und Boarische einstudierte. Musikalisch war das wahrscheinlich meine tiefste Prägung, noch bevor ich Mozart, Schubert, Bruckner usw. kennenlernte. Das begleitet mich nebenbei bis heute.

Was waren für Dich die größten Herausforderungen beim Geige lernen?

Da gab es einige – die grundsätzlichste Herausforderung war sicher lange Zeit das regelmäßige und konsequente Üben, was mir neben der Schule und anderen Interessen immer wieder recht schwerfiel. Im Konkreten waren es wohl eher körperliche und (fein-)motorische Hürden. In der Hinsicht war ich wohl nicht der Geschickteste – ganz am Anfang erinnere ich mich dunkel, dass mir schon das lange Stehen und das Hochhalten der Geige als fünfjährigem Buben sehr anstrengend vorkamen und ich mich dazwischen immer wieder hinlegen wollte.

Viel später, zu Beginn des Studiums – da hatte ich schon recht schwierige Stücke gemeistert, aber technisch noch Aufholbedarf –, ging es mit meiner damals neuen Lehrerin Klara Flieder wieder darum, die von ihr so genannte „Willenlosigkeit der Finger“ der linken Hand, die zwar mitunter schnell, aber oft zu sehr im „Autopilot“ unterwegs waren, mit geduldigen Fingerübungen (Schradieck u. a.) in den Griff zu bekommen. Das hat mir nachhaltig sehr geholfen, und Klara verdanke ich wirklich viel. 😊

Was war für Dich der schönste Moment auf der Bühne?

Es gab viele schöne Momente – vor allem in den letzten Jahren mit meinem Trio, aber auch zuvor im Quartett und im Jugendorchester. Besonders hervorheben könnte man vielleicht unser Saisonkonzert 2025 mit dem accio piano trio in der Stiftung Mozarteum Salzburg, wo wir nicht nur einen für uns ganz speziellen Rahmen mit vollem Saal hatten, sondern uns auch fast wie in einem „Heimspiel“ vom Publikum beflügelt fühlten und vieles emotionaler gelang als sonst. Der 3. Satz von Schostakowitschs zweitem Klaviertrio (ein unendlich trauriger jüdischer Klagegesang in Form einer um sich kreisenden Passacaglia, entstanden 1944) geht mir fast bei jeder Aufführung unter die Haut, aber bei diesem Mal war es fast unheimlich… am Boden zerstört und wunderschön zugleich.

Und der peinlichste Moment auf der Bühne?

Da gibt es einige Kandidaten. Eine besonders blöde Geschichte passierte mir mit 16 Jahren auf meinem ersten „Allegro vivo“-Kurs in Horn, als ich kurz vor dem Teilnehmerkonzert auf die fatale Idee kam, bereits im Konzerthemd einen Becher Heidelbeerjoghurt zu öffnen. Als ich die Alufolie herunterzog, kam mir das kräftig violette Joghurt explosionsartig entgegen und verteilte sich auf meinem weißen Hemd. Da es mir völlig aussichtslos schien, in diesem Hemd noch aufzutreten, aber kein zweites dabei hatte, klopfte ich in Folge an sämtliche Türen des Schülerheims, nur um festzustellen, dass alle offenbar beim Konzert waren. Schließlich entschloss ich mich resigniert, in einem weißen T-Shirt mit Freischwimmer-Abzeichen zu spielen, hatte aber durch die Aktion so viel Zeit verloren, dass ich zu spät zum Auftritt kam. Vor lauter Scham misslang meine Darbietung der Prokofjew-Solosonate elendiglich…

Kannst Du uns etwas über Deine Lieblingskomponistinnen und -komponisten, Lieblingsmusikstile oder Lieblingsstücke erzählen?

Das ist ein schwieriges Thema. Ich durchlebe ja verschiedene Phasen und deshalb ändern sich bei mir auch immer wieder die Lieblingskomponisten und -stücke, sowie der Fokus auf bestimmte Stile und Epochen. Wenn ich mich für drei Namen entscheiden müsste für die einsame Insel, dann würde ich wahrscheinlich Mozart, Schubert und Mahler mitnehmen; aber auch ohne Bach, Haydn, Beethoven, Mendelssohn oder Bruckner würde mir auf Dauer etwas fehlen, neben vielen anderen… Wenn ich nur drei Stücke herausgreifen müsste (weniger schaffe ich nicht), würde ich mich Mozarts Requiem, Schuberts Streichquintett und Mahlers 3. Sinfonie nehmen.

In letzter Zeit bin ich auf die Werke großer Komponistinnen gestoßen, die man noch immer viel zu wenig kennt – z.B. Lili Boulanger oder Cécile Chaminade. Es gibt so viel großartige Musik und man darf nie aufhören, nach (persönlich wie allgemein) Unbekanntem zu suchen!

Gibt es besondere musikalische Wünsche, die Du in Zukunft noch verwirklichen willst?

Ich habe mich kürzlich aus meinem langjährigen Klaviertrio zurückgezogen, möchte aber weiterhin viel Kammermusik machen und das reiche Repertoire des Streichtrios (evtl. auch mit verschiedenen Erweiterungsoptionen) zusammen mit meinen neuen Kolleginnen und Kollegen entdecken.

Daneben reizt mich auch die historische Aufführungspraxis mit Barockgeige und -bogen, der ich in nächster Zeit mehr Aufmerksamkeit widmen möchte.

Und ich möchte vermehrt unterrichten, was ich bisher außerhalb der Kurswochen nur unregelmäßig gemacht habe.

Hast Du spezielle Aufwärmübungen? Wie gestaltest Du eine typische Übe-Einheit auf Deinem Instrument?

Bei mir beginnen die meisten Übetage mit Schradieck (1. Heft). Zum schnellen Aufwärmen wechsle ich meistens zwischen dem 2. und 3., manchmal auch 1. Übungsabschnitt auf verschiedenen Saiten ab, die in der 1. Lage schon die meisten wesentlichen Grundgriffe abdecken – praktischerweise kann ich die für mich wichtigen Abschnitte mittlerweile auswendig, sodass ich mich in jeder Lebenslage (mitgenommene Geige vorausgesetzt) in 10-15 min anständig einspielen kann 😉 Wichtig ist dabei (gegen die erwähnte Willenlosigkeit der Finger), ein gemäßigtes Tempo zu wählen, das ein flexibles, aber gezieltes Niederfallen und Aufheben der Finger ermöglicht und sie in einem konstant federnden Zustand der „Vibratobereitschaft“ belässt. Ergänzend übe ich auch Doppelgriffe und Tonleitern. Ab und zu greife ich im Hinblick auf die Bogenhand auch zu den Einspielübungen von Simon Fischer.

Für alle Übeeinheiten an diversen Stücken oder Etüden hat es sich für mich bewährt, mir die Zeit bewusst auf jeweils 25-30, max. 40 Minuten am Stück zu begrenzen und dann eine kurze Pause von 5-10 Minuten einzulegen. Das funktioniert für mein Hirn einfach besser, um einerseits konzentriert zu bleiben und weniger abzudriften, andererseits auch die insgesamte Zeit besser einzuteilen und ein kleines Erfolgserlebnis für jede geschaffte Einheit zu haben. Das motiviert zum Weitermachen!

Welchen Tipp würdest Du einem Anfänger auf dem Klavier geben, wenn Du ihn in der U-Bahn triffst?

Nimm Dir nicht zu viel auf einmal vor und versuche wirklich täglich mit nur 15-30 Minuten konzentriertem Üben zu beginnen – nach dem Motto „Lieber aufhören, wenn‘s gerade erst Spaß macht und nicht bis ans Konzentrationslimit gehen. Das hilft konsequent dranzubleiben – es wird sich bald lohnen! 😊

Clemens‘ Tipp: Wie kann ich an der unteren Bogenhälfte locker und entspannt bleiben und gleichzeitig einen satten Klang ohne zu Kratzen entwickeln?

Insbesondere in meiner Arbeit mit Erwachsenen beobachte ich immer wieder, dass es vielen schwerfällt, das natürliche Gewicht des Arms für einen vollen, tragfähigen Klang zu nutzen. Gerade in der unteren Bogenhälfte führt die Angst vor Kratz- oder Knarzgeräuschen häufig zu einem Unbehagen, das sich in unterschiedlichen unbewussten Vermeidungsstrategien äußert: Manche meiden den Frosch, andere knicken das Handgelenk ab, heben den Bogen durch eine Anspannung in der Schulter an, kanten ihn übermäßig oder erhöhen die Bogengeschwindigkeit, um möglichst rasch wieder in einen Bereich zu gelangen, in dem sie sich sicherer fühlen.

Dabei können gerade diese Strategien die Klangkontrolle erschweren und unerwünschte Nebengeräusche begünstigen. Wie kann es gelingen, diese ungünstigen Bewegungsmuster zu verändern? Meines Erachtens kommt es dabei auf drei Aspekte an:

  • das natürliche Gewicht des Arms auf der Saite bewusst wahrzunehmen und zuzulassen,
  • den Einsatz des Armgewichts gezielt dosieren zu lernen, um einen gleichmäßigen, tragfähigen Klang ohne störende Nebengeräusche zu erzeugen,
  • die Finger bewusst in die Bogenführung einzubeziehen und ihre Rolle bei der Übertragung und Regulierung des Armgewichts zu verstehen

Armgewicht wahrnehmen und zulassen

Mit folgender Übung möchte ich meine Schülerinnen und Schüler dafür sensibilisieren, das natürliche Armgewicht auf der Saite wahrzunehmen und zuzulassen: Wir legen den Bogen am Frosch locker auf eine der mittleren Saiten. Dafür empfiehlt sich eine Kontaktstelle nahe am Steg. Zunächst erspüren wir nur den Kontakt der Bogenhaare mit der Saite, ohne zu streichen.

Wir achten auf ein relativ gerades Handgelenk und eine zur Saitenebene passende Ellbogenhöhe, sodass Unterarm und Handrücken eine fast gerade Linie bilden, ohne dass wir dabei fest werden.

Jetzt halten wir den Bogen abwechselnd so, dass er zuerst ganz locker nur mit seinem Eigengewicht (immerhin gut 60 Gramm) auf der Saite liegt – wir heben ihn also weder an noch drücken wir zusätzlich hinein. Dann versuchen wir, langsam und noch immer ohne zu streichen, unser Armgewicht bei praktisch unveränderter Haltung auf die Saite wirken zu lassen.

Die Hand liegt dabei möglichst locker auf der Bogenstange. Wir versuchen, vor allem mit den mittleren Fingern guten Kontakt zur Stange zu halten. Dabei hilft uns die kleine Kuhle im Bereich der Endgelenke.

Wenn wir einige Male zwischen Bogen- und Armgewicht abgewechselt, den Unterschied bewusst gespürt und das jeweilige Gefühl wiedergefunden haben, können wir ausgehend vom „schweren“ Zustand einen mutigen Abstrich wagen, bei dem das Armgewicht bewusst zum Einsatz kommt. Achtung: Stegnähe ist jetzt besonders wichtig! Der Ton muss dabei überhaupt nicht schön klingen. Zunächst kann ein hartes Ansprachegeräusch („Kratzen“) entstehen. Keine Scheu vor der eigenen Kraft, aber auch kein Drücken – nur Gewicht!

Armgewicht dosieren

Nachdem wir einige kontrollierte Abstrichtöne geschafft haben, geht es im nächsten Schritt darum, das Armgewicht während der Strichbewegung gezielt zu dosieren.

Wir üben zunächst wieder trocken, das Armgewicht am Frosch hinein- und herauszunehmen. Dann versuchen wir, zunächst nur mit dem Eigengewicht des Bogens sanft loszustreichen, ohne den Bogen dabei anzuheben. Erst etwa ab dem zweiten Zentimeter lassen wir unser Armgewicht wie zuvor sanft hineinsinken, sodass es während der Strichbewegung allmählich auf die Saite übertragen wird. Hier helfen uns flexible Finger, die den Kontakt zwischen Hand und Bogenstange aufrechterhalten und die Gewichtsübertragung unterstützen.

Dabei kann auch die Vorstellung helfen, eine Katze (oder wahlweise einen kleinen Hund) kräftig, aber dennoch liebevoll von Kopf bis Schwanz zu streicheln.

Bei einer günstigen Kontaktstelle, etwa in der Mitte zwischen Steg und Griffbrett, sollte sich der Ton nach ein paar Versuchen bereits recht wohlig und voll anhören. Eventuell noch vorhandene Nebengeräusche können verschiedene Ursachen haben: Neben einer ungünstigen Kontaktstelle oder einem nicht ganz geraden Strich kann auch das Verhältnis zwischen Bogengeschwindigkeit und Armgewicht noch nicht stimmen.

Im nächsten Schritt versuchen wir, auch im Aufstrich – also von der Spitze oder der Bogenmitte in Richtung Frosch – wieder ganz langsam und stufenlos in dieses Gefühl des schweren Arms in der Saite zu finden.

Dabei kann es helfen, sich vorzustellen, den Bogen mit der Hand fast waagrecht in die Geige hineinzuschieben, auch hier ohne zu drücken. Besonders im Aufstrich sollten wir darauf achten, mit dem Handgelenk nicht zu weit nach oben auszuweichen. So bleibt die Handbewegung flexibel, und der Zeigefinger kann den Kontakt zur Bogenstange nutzen, um die Gewichtsübertragung gezielt zu unterstützen.

Die Finger der Bogenhand gezielt einsetzen

Um die Beteiligung der Finger an der Bogenführung und an der Kraftübertragung des Armgewichts zu schulen, empfehle ich eine weitere einfache, aber effektive Übung: Wir streichen ganz langsam und gleichmäßig mit ganzem Bogen auf leeren Saiten, halten den Bogen dabei aber nur mit drei Fingern der rechten Hand.

Dafür gibt es zwei sinnvolle Varianten (der Daumen bleibt als stabilisierender Faktor von unten immer dabei).

Erstens: Wir verwenden Mittel- und Ringfinger – gemeinsam mit dem Daumen bildet dies unser „Kraftzentrum“ (© Klara Flieder):

Zweitens: Wir verwenden Zeige- und Ringfinger:

Ich empfehle, mit der leichteren Variante zu beginnen und anschließend beide abwechselnd zu üben. Welche Version sich schwieriger anfühlt, kann Hinweise darauf geben, welche Finger in der bisherigen Bogenführung zu wenig Verantwortung übernommen haben.

Häufig haben gerade die mittleren Finger zu wenig Kontakt zur Bogenstange. Der Bogen wird vor allem mit Zeigefinger, kleinem Finger und Daumen gehalten, während die beiden mittleren Finger eher passiv über der Stange liegen oder sie umgreifen, ohne ausreichend von oben Kraft übertragen zu können. Wenn andere Finger als Stabilisatoren wegfallen, müssen die verbleibenden Finger ihre Funktion stärker übernehmen. So lässt sich ihre Beteiligung gezielt schulen.

Die Drei-Finger-Übung eignet sich außerdem für bogentechnisch schwierige Stellen. Ich verwende sie selbst gerne bei Passagen mit vielen Saitenwechseln. Die Bewegung soll dann nicht allein von Zeige- und kleinem Finger gesteuert werden, sondern möglichst ökonomisch aus dem Zusammenspiel des „Kraftzentrums“ der Hand mit Handgelenk und Arm entstehen.

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Heinz

Heinz hat Violine und Viola in Wien studiert. Seine besondere Liebe gilt der Kammermusik, Franz Schubert und philologisch hervorragenden Notenausgaben. Nach mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland (Heidelberg und Bamberg) lebt Heinz ab Herbst 2022 wieder in seiner Heimatstadt Wien, wo er mit Begeisterung ­Geigenunterricht und Bratschenunterricht erteilt.

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