Gitarrenschulen für Anfänger: Eine kleine Entscheidungshilfe

Viele Jahre wurde nach den methodisch wertvollen Lehrwerken von Schaller, Scheit und Brojer unterrichtet. In den letzten Jahrzehnten ist eine Vielfalt an neuen Gitarrenschulen entstanden. Heute gibt es darüber hinaus ein fast unüberschaubares Angebot an teilweise recht innovativen Online-Anleitungen, Online-Kursen oder Online-Gitarrenschulen. Für die Wahl des geeigneten Lehrwerks ist nicht nur die Frage nach der Form des Lernens und Lehrens relevant (etwa ob die Schule dem Alter des Schülers entspricht oder einzeln oder in der Gruppe unterrichtet wird), sondern auch gitarrentechnische Unterschiede spielen eine Rolle.

Zunächst ist beinahe allen guten Methoden oder Schulen gemeinsam, dass das Gitarrenspiel mit leeren Saiten angefangen werden soll. Ähnlich wie beim Streichinstrument geht es darum, Tonbildung und Technik der rechten Hand zu festigen, bevor die linke Hand mit dem Greifen beginnt. Doch bereits beim ersten Einsatz der Griffhand sind bei den Lernmethoden größere Unterschiede festzustellen, deren Vor- und Nachteile mich bereits seit vielen Jahren beschäftigen. Es geht dabei um die Frage, ob das Erlernen der Grifftechnik grundsätzlich in der ersten oder zweiten Lage begonnen werden soll. Hier stelle ich einige Argumente und Erfahrungswerte in den Raum, die Hilfestellungen für die Auswahl der richtigen Gitarrenschule bieten können.

Eine Frage der Kräftigung

Bei Schulen, die in der ersten Lage beginnen, wird der vierte Finger als schwächster Finger nur selten verwendet. Dies kann zu Folge haben, dass die linke Hand nach außen kippt: Der nicht verwendete vierte Finger ist weiter vom Griffbrett entfernt. Überdies wird der vierte Finger, der zumeist vergleichsweise weniger treffsicher ist, nicht konsequent gekräftigt, sondern vernachlässigt.

Beginnen wir beim Gitarre Lernen mit dem Greifen hingegen in der zweiten Lage, erreichen wir die gewollte Handposition, indem wir die Finger auf einer Linie (der Saite) aufstellen. Der vierte Finger wird von Anfang an miteinbezogen, und die Finger gewöhnen sich bald an die Abstände der Bünde. Durch die Fixierung aller vier Finger muss man allerdings – vor allem bei kleinen Händen – auf die Gefahr von Verkrampfungen achten, da das Aufstellen aller vier Finger meist mit zu hohem Kraftaufwand einhergeht. Die geeignete Gitarrengröße muss hierfür unbedingt im Blick behalten werden. Ich teste diese Position genau, wenn es um die Auswahl des richtigen Instruments geht. Der Abstand der Bünde muss der Dehnbarkeit der Finger entsprechen.

Saitenwechsel und Wechselschlag

Ein Problem der zweiten Lage stellt allerdings manchmal der Saitenwechsel dar, der nur bei optimaler Koordination beider Hände richtig ausgeführt werden kann. In der ersten Lage verwenden wir viele Leersaiten, wodurch der Wechselschlag — also das Abwechseln zweier Finger — auch während des Saitenwechsels gut automatisiert werden kann. In der zweiten Lage wird zu Beginn dieser Impuls hingegen während des Greifens oft unterbrochen. Vor allem in der linken Hand kostet das Überwechseln aller Finger (vor allem des vierten Fingers) auf die tiefere Saite anfangs Zeit und Mühe. Und genau bei diesem schwierigen Ablauf wird der Impuls für den Wechselschlag rechts unterbrochen: Es passiert das bei Anfängern auf der Gitarre häufiger zu beobachtende „Durchziehen“ des angelegten Fingers auf die tiefere Saite, d. h. der eben verwendete Finger spielt zweimal.

Das Erlernen der Noten

Werden in der ersten Lage die Noten didaktisch nach und nach integriert, bringt uns die zweite Lage Notenreihen, die uns mit den ersten Vorzeichen sehr bald konfrontieren, z. B. bei einer einfachen Fünftonreihe in A- oder D-Dur. Mit kreativen Geschichten oder Zaubertricks lässt sich natürlich auch diese Verwandlung der Stammtöne erklären. Für das Verständnis der Noten und Erlernen der Stammtöne ohne Vorzeichen finde ich die erste Lage allerdings für den Anfangsunterricht geeigneter.


Ein weiteres Phänomen ist, dass Schüler, wenn sie sehr lange nur in einer bestimmten Lage spielen, den Fingersatz, also die Zahl vor der Note so gespeichert haben, dass ich auf die Frage „Wie heißt dieser Ton?“ oft eine Zahl als Antwort bekomme. Besser wäre es daher, im Anfangsunterricht darauf zu achten, einen Schüler nicht allzu lange ausschließlich in einer bestimmten Lage spielen zu lassen.

Gitarrenschulen als methodisches Gerüst

Ich stelle mein Unterrichtsmaterial unter Zuhilfenahme der bekannten Gitarrenschulen selbst zusammen. Beliebte Lehrwerke, die in der ersten Lage beginnen, sind unter anderen: „Fridolin“ (H. J. Teschner), „Gitarre Spielen mit Lena & Tom“ (A. Schumann), „Meine Gitarrenfibel“ (H. Teuchert), „Play Guitar“ und „Play Guitar Junior“ (M. Langer). Für den Beginn in der zweite Lage stehen z. B.: „Gitarre spielen mit Spaß und Fantasie“ (D. Kreidler), „Los geht’s!“ (A. Eickholt, M. Kijewski, D. Kreidler und andere). Kinder haben gerne ein gebundenes Heft oder Buch, in dem sie ihre Lernfortschritte sehen oder vorausschauen können, was sie in der nächsten Stunde erwartet. Ich verwende Gitarrenschulen als methodisches Gerüst, und entscheide von Stunde zu Stunde, was ich an zusätzlichem Material und Übungen, die auf den Schüler zugeschnitten sind, einfließen lasse. So kann ich auf bestimmte Probleme gut reagieren.

Bei der Internet-Recherche nach Lehrwerken für Gitarre stößt man schnell auf diverse Online-Anleitungen oder Online-Kurse. Diese bieten nicht selten ein vielfältiges Angebot an Lehrmaterialien, auch Videos, welche als Ergänzung für den Unterricht hilfreich sein können. Bei reinen Online-Angeboten fehlt aber der Lehrer als Bezugsperson, der individuell auf die Lernfortschritte des Schülers eingeht. Ein erfahrener Lehrer erkennt, was für den Schüler gerade wichtig ist, kann motivieren und unterstützen.

Für Anfänger auf der Gitarre, die Online-Unterricht aus praktischen Gründen bevorzugen, ist eine Mischung aus Präsenz und Online-Unterricht zu empfehlen. Eine gute Möglichkeit für intensiven Präsenzunterricht bietet diesbezüglich jedenfalls eine Musikwoche oder ein Musikkurs für Gitarre mit Einzelunterricht.

Veröffentlicht von

Margareta Horak

Margareta Horak

Margareta Horak hat Gitarre (Instrumentalpädagogik) in Wien studiert, und unterrichtet Gitarre an der Musikschule Wien Meidling sowie seit vielen Jahren bei der Musikwoche Benediktbeuern (vormals Gitarrewoche). Ihre Liebe gilt nicht nur der Gitarre, sondern auch dem Gesang in den verschiedensten Formationen.

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