Warum klassische Technik und eine saubere Haltung auf der Gitarre eine Befreiung ist

Als Gitarrenlehrer begegne ich immer wieder einer gewissen Skepsis vor einer “zu technischen” Sicht auf die Gitarre, als wäre eine fundierte klassische Spieltechnik ein unnötig komplizierter Weg, die Gitarre zu spielen. Dabei stösst saubere Technik einfach nur Türen auf und befreit von mechanischen Problemen. Ob ein Schüler am Lagerfeuer schraddeln will, ob es Blues-Improvisation sein soll, ob jemand E-Gitarre in einer Metal-Band spielt: wer seine Hände falsch hält, wer unnötig weite Bewegungen macht und wer die Spielmuskulatur verspannt, wo keine Spannung nötig ist, der hat es schwer. Und genau dies vermeidet man mit einer sauberen klassischen Gitarrentechnik.

Die moderne klassische Gitarre ist ein vergleichsweise junges Instrument. Die von Antonio de Torres Mitte des 19. Jahrhunderts perfektionierte Bauweise ermöglichte und erforderte eine neue Technik, die von Franciso Tárrega um die Jahrhundertwende revolutioniert und schließlich von Andrés Segovia (mit einigen Modifikationen) in die Welt getragen wurde. Dadurch, dass der kleine Finger der rechten Hand nicht mehr auf der Gitarrendecke aufgesetzt wurde, bekam diese Hand ganz neue Möglichkeiten der Klangformung von hartem, lautem Spiel nahe am Steg und weicheren, volleren Tönen durch Zupfen in der Nähe des Schalloches. Die Klangpalette wurde ausserdem um das Spiel mit ohne Fingernägel erweitert, um freien (tirando) und angelegten (apoyando) Anschlag als gleichwertige Optionen. Ziel dieser Technik ist mit möglichst effizienten Bewegungen und nie mehr als der nötigsten Spannung volle Kontrolle über den Ton zu bekommen, und zwar sowohl in der rechten als auch in der linken Hand. Saubere Technik ermöglicht also nicht nur ein Spiel ohne Anstrengung und ohne Verkrampfen, sondern das, was herauskommt, wenn man nicht mehr nur darum kämpft, die richtigen Töne in der richtigen Reihenfolge zu spielen: Musik.

Gute Technik beginnt mit der richtigen Haltung und die folgende Übung zwingt den Fingern die richtige Haltung förmlich auf, sie kann nämlich sonst nicht klingen. Achtet darauf, dass jeder Ton so lange klingt, bis auf der Saite der nächste Ton gespielt wird; die beiden Notationen klingen exakt gleich, die erste ist aber besser lesbar. Lasst alle 8 Töne ohne Absetzen so lange klingen wie ihr könnt. Die Fingerkuppen müssen dafür im rechten Winkel auf den Hals aufsetzen und nicht von der Seite, der Daumen bleibt am Halsrücken fixiert, das Handgelenk möglichst gerade. Die Übung fördert nicht nur die richtige Haltung sondern auch die Unabhängigkeit der Finger der linken Hand: der Ringfinger würde sich nur zu gerne mit dem kleinen Finger mitbewegen, muss aber stehenbleiben, um den Ton zu halten.

Saubere Technik ist kein Umweg, sondern eine Abkürzung, und zwar vollkommen unabhängig davon, was man spielen will. Und je früher man sich beim Erlernen der Gitarre damit auseinandersetzt, umso freier wird man im Spiel.

Nehmt euch zur Kontrolle gern selbst auf, da man genauer hinhört, wenn man nicht selbst spielt. Kuckt dazu in den Blogeintrag “Selbstkontrolle beim Üben mit dem Handy/Smartphone.

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Johannes Molz

Johannes Molz ist Gitarrist, Musikproduzent und Literaturwissenschaftler und findet, dass die Welt vollgestopft ist mit interessanten, leuchtenden Dingen, die er am liebsten alle verstehen will. Wenn er nicht gerade selbst musiziert, lehrt und schreibt er leidenschaftlich über Gitarrentechnik, Musik im Allgemeinen, Shakespeare und andere Dinge.

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