Die gehasste zweite Lage oder warum wir uns gerne mit der rechten Hand am linken Ohr kratzen

Es ist erstaunlich zu welchen Verrenkungen der Mensch bereit ist, um beispielsweise die Tür zum trauten Heim mit der gewohnten Hand aufzusperren — selbst wenn dafür der fragile Turm an wohlgestapelten Lebensmitteln vom rechten auf den linken Arm gehievt werden muss und der Kollateralschaden, der unwiederbringliche Verlust des Erdbeerjoghurts, nur unter nicht näher zu erläuterten Kraftausdrücken ertragen werden kann.

Auch auf der Geige sind wir zu solchen Kunststücken bereit. Zweifellos an der Spitze der beliebtesten Verrenkungen stehen jene, die durch die konsequente Vermeidung der zweiten Lage entstehen.

Warum wird die zweite Lage so gerne gemieden? Zwei Erklärungsversuche

Erstens: In der zweiten Lage fehlen gewisse taktil-kinästhetische Orientierungspunkte — manch einer beschreibt dies als Gefühl „keinen festen Boden unter den Füßen“ zu haben. Für die erste Lage, in der man gerade zu Beginn beim Geigelernen die meiste Zeit verbringt, bietet hingegen die Rundung des Geigenhalses kurz vor der Schnecke einen Orientierungspunkt, den wir — zumeist unbewusst — mit dem Daumen wahrnehmen. Bereits ab der dritten Lage kann sich die Hand durch die Nähe zu den Zargen des Korpus orientieren.

Zweitens: Die Position des ersten Fingers, der grundlegende „Anker“ für die korrekte Position der Hand in der jeweiligen Lage und damit auch für das saubere Greifen, variiert in den wichtigsten Tonarten auf der Geige häufiger. Betrachten wir etwa folgenden G-Dur-Skalenausschnitt zunächst in der dritten Lage, in welcher der erste Finger stets im reinen Quartabstand (im Verhältnis zur leeren Saite) zu greifen ist, wodurch die Hand recht einfach in einer stabilen Position gehalten wird:

die_gehasste_zweite_lage_1

Der gleiche Ausschnitt mit einem Fingersatz in der zweiten Lage zeigt demgegenüber, dass der erste Finger zwei Positionen — im großen Terzabstand und im kleinen Terzabstand — greifen muss:

die_gehasste_zweite_lage_2

Selbstverständlich variieren diese Intervalldispositionen von Tonart zu Tonart. So orientieren sich viele Geigenspieler etwa in B-Dur in der zweiten Lage stante pede etwas besser — aus diesem Grund finde ich eine Skala oder ein Stück in B-Dur besonders geeignet, um die Scheu vor der zweiten Lage zu nehmen.

„Versuchs in der zweiten Lage“

Sind diese kleinen Unpässlichkeiten Argumente gegen den häufigen Gebrauch der zweiten Lage? Mitnichten. Denn in vielen Fällen handelt es sich bei der Wahl jener Fingersätze, mit denen man der zweiten Lage geflissentlich aus dem Weg gehen will, nicht um findige Alternativen, sondern um echte Hürden.

In diesem Sinne möchte ich mit dem geflügelten Wort eines bekannten Wiener Geigenprofessors aufwarten, der auf so gut wie jede Frage bezüglich Fingersatzschwierigkeiten stets, ohne die nähere Ausführung abzuwarten, mit „Versuchs in der zweiten Lage“ antwortete — und damit gar nicht selten ins Schwarze traf.

Veröffentlicht von

Heinz

Heinz hat Violine und Viola in Wien studiert und ist als Geigen- Bratschen- und Kammermusiklehrer tätig. Seine besondere Liebe gilt der Kammermusik, Franz Schubert und philologisch hervorragenden Notenausgaben. Derzeit lebt Heinz mit seiner Familie in Bamberg.

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